Da sich nach der Publikation unseres kurzen Pamphlets „Personenkult und Projektion“ zahlreiche Personen – vom Szenepolizisten bis zum selbsternannten, vor Testosteron strotzenden Antifa-Hooligan – in einer Einheitsfront gegen „unsolidarische Kritik“, „elitäre Polemik“ und einen vermeintlich „abgehobenen Sprachstil“ zusammenfanden, sahen wir uns genötigt, die Positionen unserer Gruppe „Sur l’eau“ knapp zu skizzieren (wobei hier immer berücksichtigt werden muss, dass es auch intern bestimmte Differenzen gibt und daher nicht jeder einzelne Punkt akkurat für jedes Mitglied zutreffen muss, dieser Text also bloß ein grober Abriss ist).

Der Konsens unseres Zusammenschlusses ist die Solidarität mit Israel, weil dieser Staat eingedenk der industriellen Massenvernichtung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden und des vorangegangenen zweitausend Jahre währenden Hasses gegen die kosmopolitisch verstreuten Juden historisch notwendig geworden ist.
Der sich Mitte des 19. Jahrhunderts herausbildende Zionismus war die Antwort auf das Scheitern der Emanzipation wegen des in Europa grassierenden Antisemitismus, der in der Shoah kulminierte; der Staat Israel ist die Reaktion auf die nationalsozialistische Barbarei, die deutlich gemacht hat, dass es einer solchen Nation bedarf, soll es nicht noch einmal zu etwas mit Auschwitz Vergleichbarem kommen.
Israel fungiert als Zufluchtsort aller vom Antisemitismus Verfolgten und gewährt ihnen Schutz, weshalb nicht nur für das Existenzrecht dieses Staates, sondern auch für dessen Recht auf Selbstverteidigung gegen den in den Nachbarländern zunehmenden panarabischen beziehungsweise islamistischen Antisemitismus, dessen Auslöser keineswegs, wie manche getreu der Argumentationstradition, der Jude sei doch selber schuld oder müsse zumindest irgendetwas getan haben, das den Hass bewirkt, behaupten, die Staatsgründung und/oder die Politik Israels ist. Denn bereits davor existierte ein relativ virulenter Antisemitismus und der Terrorismus gegen Israel und gegen die USA bedarf keines konkreten politischen Anlasses, sondern konstituiert sich ideologisch, nämlich in dem Ziel eines weltweiten Kalifats und eines Umma-Sozialismus.

Unsere Solidarität ist unabhängig von der aktuellen politischen Situation oder jeweiligen Administration in Israel, sondern tritt für den jüdischen Staat als solchen ein und ist in diesem Sinne auch kategorisch zu nennen.
Wir verstehen den Antisemitismus des Weiteren nicht funktionalistisch, da eine solche Interpretation übersieht, dass die Judenvernichtung nicht Mittel in Form eines Sündenbocks, sondern unmittelbar Zweck des Antisemiten ist; das markiert auch die Spezifik des Antisemitismus gegenüber anderen Formen des Rassismus, denn zwar schreiben auch letztere den Opfern Macht zu, allerdings ist diese nicht unmittelbar real, sondern nur potentiell, während beim Antisemitismus (und dieser Begriff schließt in unserem Verständnis den Antizionismus mit ein) eine reale, internationale Verschwörung, also Macht, halluziniert wird, der nur durch die Vernichtung beizukommen ist. Wir versuchen im Gegensatz zur funktionalistischen Deutung dem Antisemitismus ideologiekritisch zu begegnen, ihn also als „falsches Bewusstsein“, als „Vernichtungswillen […], den die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert“ (1) zu begreifen.
Daher betrachten wir Zivilisation und Barbarei als dialektisch durcheinander vermittelte Gegensätze, aber keinesfalls – und jetzt folgt eine Basisbanalität, die zu wiederholen, wir nicht müde werden – als identisch.

Nicht nur im Falle dieses Interpretationsansatzes des Antisemitismus orientieren wir uns an der Kritischen Theorie, sondern ebenfalls bezüglich des Bilderverbots, das über die Utopie verhängt ist, daher auch der Name der Gruppe, welcher zugleich Titel eines Aphorismus Adornos in den „Minima Moralia“ ist, in welchem er sich dieser Thematik widmet. Der Versuch, positiv die Utopie zu bestimmen, sie auszumalen, reproduziert noch das produktivistische und konsumistische Moment der momentanen Gesellschaftsordnung und wird dadurch zur „Freiheit als Hochbetrieb“, zur „pausbäckigen Unersättlichkeit“ (2) und erkrankt am verdinglichten Bewusstsein, dem es zu entrinnen sucht. Das, was über das ganz Andere zu sagen wäre, ergibt sich einzig und allein aus der bestimmten Negation.

Wenn aber Gesellschaftskritik ihren Gegenstand als „Totalität“ im Sinne der Kritischen Theorie begreift, so ist es unabdingbar, das Konzept von so genannten „Freiräumen“ als ein Beispiel für die Praxis der Linken radikal als Ideologie zurückzuweisen, die darüber betrügt, dass es keinen Freiraum vom Kapitalismus innerhalb des Kapitalismus geben kann und die somit ihrer eigenen selbst als „radikal“ verstandenen Kritik die Zähne zieht.

Deshalb verstehen wir uns auch nicht als konstruktiv, sondern zuvörderst als materialistisch und kritisch, wobei wir hiermit nicht den Gestus des Intellektuellen meinen, der a priori zu allem Nein sagt und somit bloß die Kehrseite des alles affirmierenden Typus darstellt.
Doch um überhaupt eine Kritik des Bestehenden formulieren zu können, probieren wir vor allem deren Grundlage uns anzueignen, also Klassiker wie Marx, Adorno und die zeitgenössischen Interpretationen beziehungsweise neue Lesarten zu rezipieren; wir sind aber nicht auf die Praxis hin ausgerichtet und grenzen uns daher von der Bewegungslinken ab. Diese verwendet unseres Erachtens (wenn überhaupt) bloß Versatzstücke der kritischen Theorie der Gesellschaft, sei sie Marxscher oder modernerer Prägung, die sie nach Belieben und Gutdünken schneidet bzw. verkürzt, bis sie der praktischen Agitation in den Kram passen. Hierdurch reproduziert sie noch die kleinbürgerliche Theoriefeindlichkeit und weist, wenn sie all jene Gedanken, die nicht dem Primat der Praxis sich fügen, als „abgehoben“ denunziert, in ihrer Gegenüberstellung von „abgehobenem“ und „verwurzeltem“ Denken terminologisch eine gefährliche Nähe zum Jargon der „Blut & Boden“ – Ideologen und ihren philosophischen Stichwortgebern wie Heidegger auf.

Gruppe Sur l‘eau

(1) Adorno/Horkheimer: „Dialektik der Aufklärung“, S. 177
(2) Adorno: „Minima Moralia“, S. 178