Leipzig, 10.10.2009

Obwohl das Primat der Praxis bei der Gruppe Sur l`eau eigentlich keinen hohen Stellenwert einnimmt, mag es manchmal richtig sein, eine Kritik der bestehenden Verhältnisse auch praktisch werden zu lassen. Am 10.10.2009 findet in Leipzig eine Demonstration gegen die deutsche Selbstbeweihräucherung, die in diesem Jahr mit den Jubelkampagnen zu „60 Jahre Grundgesetz“ und „20 Jahre Fall der Mauer“ ausgiebigst zelebriert wurde, statt. Angegriffen wird der kollektive Jubeltaumel der Deutschen und das Einswerden mit der deutschen Nation. Und wenn Deutsche in Massen sich selbst feiern, ist dies auch uns ein Grund, die Kritik praktisch zu artikulieren.
Dennoch haben wir so unsere Probleme mit gewissen Passagen des Aufrufs der vorbereitenden Gruppen. So liest sich der Aufruf über weite Strecken wie ein klassischer antideutscher Text, der so auch Mitte der 90er in der „BAHAMAS“ hätte stehen können. Eine antideutsche Kritik auf Höhe der Zeit wird kaum formuliert, nur die obligatorische Bemerkung, dass rassistische und antisemitische Einstellungsmuster bei einer Mehrheit der Deutschen zu finden seien, ist im Text enthalten.
Sicherlich, die Warnung vor einem „4. Reich“ mag Anfang der 90er, als der ostdeutsche Pöbel applaudierend neben brennenden Asylbewerberheimen stand und die Bundesregierung 1993 als Reaktion auf den „Druck von der Straße“ in einem Bündnis zwischen Mob und Elite das Asylrecht quasi abschaffte, durchaus berechtigt gewesen sein. Nur befinden wir uns nicht mehr Anfang der 90er. Ebenso zu kritisieren ist die unserer Meinung nach völlig unzureichende Abrechnung mit der DDR im Aufruf. Wir weinen der untergegangenen DDR keine Träne hinterher, sie repräsentierte ein sehr viel gruseligeres Deutschland als die ehemalige Westrepublik. Viele der Deutschen Lieblingsideologien vereinte die DDR als Staatsdoktrin, die deutsche Volksgemeinschaft blieb im Wesentlichen unangetastet. Das Ende der DDR ist vor diesem Hintergrund in jedem Fall zu begrüßen, auch die Tatsache, dass man einfach gerne in Supermärkten vor vollen Regalen steht oder nicht 10 Jahre auf ein Auto warten möchte, ist für uns voll und ganz nachvollziehbar. Widerlich wird es nur, weil das Gros der Ostdeutschen seine urdeutschen Traditionen beibehielt, was sich kurz nach der „Wende“ in den tagelangen ausländerfeindlichen Pogromen vor Asylbeweberheimen wie in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen manifestierte.

Heute präsentiert sich Deutschland als weltoffene, bunte und tolerante Republik, die aus ihrer Vergangenheit gelernt hat. Die Zone hingegen hält dem „modernen“ Westen immer wieder die barbarische Fratze vor, die Bewohner, gerade abseits der wenigen ostdeutschen Ballungszentren, wirken wie in einer anderen Zeit lebend. Man erinnert sich an die „guten Seiten“ der untergegangenen DDR, hinterlässt seinen Frust über das selbstverschuldete Elend am Wahltag bei NPD oder Linkspartei und jagt bei gegeben Anlässen auch gerne die Sau durchs Dorf, wie 2007 mal wieder in Mügeln oder Bützow geschehen. Und genau diese barbarische Kehrseite der modernen Republik, zu der Deutschland sich vorgeblich entwickelt hat, ist uns Anlass, zur Demo gegen die Wendefeierlichkeiten am 10.10.2009 in Leipzig aufzurufen. Dass diese Demo dann auch noch mitten im ekelhaftesten Bundesland dieser Republik stattfindet, ist uns noch ein weiterer Grund, dem Osten einen Besuch abzustatten.

-> Aufruf

Gruppe Sur l‘eau


6 Antworten auf “Leipzig, 10.10.2009”


  1. 1 corax 06. Oktober 2009 um 11:19 Uhr

    antworten auf eure kritik gibt es im verlinkten interview..

  2. 2 knut hansen 15. Oktober 2009 um 12:41 Uhr

    Hilfe. Ganz schlechtes Pöbeln, ganz wenig Wissen. Ein bisschen Adorno, ein bisschen Polemik. Die Unterscheidung zwischen der schlimmen DDR und dem „besseren (??)“ Westen stinkt mächtig.
    Als ob es lohnen würde sich zu fragen was nun besser war.
    Allein die Fragestellung.
    In Solingen und Mölln (bei euch in der Nähe) sind Menschen gestorben. Da stinkt der Seitenhieb auf den Osten.
    Außerdem würde ich lieber in Leipzig oder Dresden (im ekelhaftesten Bundesland „eurer“ Republik, wie ihr sie so liebevoll nennt) als im verkackten Lübeck wohnen, da sollte mensch den Ball vlt doch mal flach halten.

  3. 3 McLovin 18. Oktober 2009 um 20:34 Uhr

    Ach, diesen ostdeutsche Lokalpatriotismus finde ich reizend. Als ob in diesem Text Westdeutschland und insb. Lübeck glorifiziert würden, die Autoren sind sich der Anschläge bspw. in Lübeck oder Mölln durchaus bewusst. Nichtsdestotrotz verbietet sich am dieser Stelle die Relatvierungs“logik“ à la „im Westen musste mensch (sic!) auch arbeiten“. Wer so versucht, einen realsozialistisch-autoritären Musterstaat (inwiefern „der“ Sozialismus pervertiert wurde, steht auf einem anderen Blatt) gegen eine -zumindest im Ansatz und wenngleich „nur“ bürgerlich konnotiert- freiheitlich orientierte Republik aufzuwiegen, sollte seine Geschichtsbild ernsthaft überdenken.

    Ich kann an dieser Stelle nur wiederholen, dass es keineswegs darum geht, durch eine Es-geht-noch-schlimmer-Mentalität hiesige Verhältnisse zu entschuldigen.

  4. 4 louis van gaal 07. Mai 2010 um 1:28 Uhr

    „Dass diese Demo dann auch noch mitten im ekelhaftesten Bundesland dieser Republik stattfindet, ist uns noch ein weiterer Grund, dem Osten einen Besuch abzustatten.“

    Diese Logik verstehe ich halt absolut nicht. Wer geht schon freiwillig dorthin, wo es am ekelhaftesten ist. Wählt ihr eure Urlaubsziele dann auch danach aus, was so am ekelhaftesten von allen ist oder bezieht sich diese Entscheidungsfindung nur auf euren Demotourismus?
    Zudem würde ich gerne wissen, was Sachsen ekelhafter macht als Bayern, Meck-Pomm oder Brandenburg. Anscheinend muss es ja gute Gründe geben, weshalb es der Spitzenreiter im negativen Sinn ist.

  1. 1 Ach wie schön, dass jede_r weiß, … « »Stil, Irrelevanz und Bewegungsmangel« | EinBlog Pingback am 04. Oktober 2009 um 14:38 Uhr
  2. 2 Antinationalismus diskutieren! « Brummkreiselpilotin Pingback am 03. November 2009 um 19:03 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.